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Reisebericht

Meine Duftreise durch Frankreich

Hinter jedem großen Parfum steht eine Firma, deren Namen kaum jemand kennt.

Prolog: Warum Frankreich

Hinter jedem großen Parfum, das wir in den Regalen sehen, steht eine Firma, deren Namen kaum jemand kennt. Die Marken sind das Gesicht, die eigentliche Seele kommt von den Essenzherstellern. Genau diese Häuser wollte ich mit eigenen Augen sehen.

Am meisten haben mich die gereizt, die schon im 18. Jahrhundert ihre Kessel befeuert haben, lange bevor es Marketing, Instagram oder Duty-free gab. Firmen, die eine Revolution, zwei Weltkriege und die Globalisierung überlebt haben, wollte ich nicht nur im Internet lesen. Ich wollte sie riechen.

1981

01 — Allauch bei Marseille

TechnicoFlor

Ich startete im Süden, in den Hügeln über Marseille. Hier spürte ich zuerst Unternehmergeist und keine Nostalgie. 1981 hat François-Patrick Sabater die Firma gegründet, seit 2025 führt sein Sohn Christopher sie.

Mein Eindruck: Das ist ein Mittelständler, der gerade erwachsen wird. 51 Millionen Euro Umsatz, 14 Parfümeure und Kunden in über 70 Ländern, das ist keine kleine Werkstatt mehr. Ein Satz aus der Firma hat mir besonders gefallen: „Wir waren ein KMU, jetzt sind wir ein Mittelstandsunternehmen.“ Mit dem Kauf von Azur Fragrances in Mouans-Sartoux greifen sie jetzt nach Grasse. Wer in dieser Branche mitspielen will, muss eben dorthin.

17. Jh.

02 — Grasse

Ankunft in Grasse

Dann fuhr ich die Serpentinen hinauf nach Grasse. Wer einmal im Mai dort war, wenn die Rosenfelder blühen, weiß, wovon ich rede. Die Luft schmeckt beinahe süß.

Diese Stadt hat ihren Ruhm einem Gestank zu verdanken: Im 17. Jahrhundert war Grasse eine Gerberstadt. Um den Ledergeruch der Handschuhe zu überdecken, begann man, sie zu parfümieren. Aus dieser Not wurde eine Weltindustrie.

1982

03 — Plan de Grasse

Expressions Parfumées

Am Plan de Grasse besuchte ich Expressions Parfumées, und die Geschichte hat mich sofort gepackt. 1982 hat alles in einer Garage angefangen. Heute sind es rund 108 Millionen Euro Umsatz, davon gehen etwa 87 Millionen in den Export.

Für mich ist das der Beweis, dass man auch neben den Riesen groß werden kann, wenn man schnell und kreativ ist und nah am Kunden bleibt. Es ist das Silicon-Valley-Märchen, nur mit Jasmin statt Software.

1854

04 — Grasse

Payan Bertrand

Ein paar Straßen weiter wartete Payan Bertrand. Das Haus ist seit 1854 in Familienhand und exportiert 90 Prozent seiner Produktion in über 60 Länder.

Hier gibt es keinen Prunk und keine Show, dafür eine automatisierte Anlage, die nur für Duftkompositionen da ist. Mein Gedanke dazu: Das ist der Typ Familienunternehmen, der seit 170 Jahren einfach liefert, Generation für Generation.

1850

05 — Grasse

Robertet

Dann kam Robertet, gegründet 1850 in Grasse und bis heute von der Familie Maubert kontrolliert. Mit fast 844 Millionen Euro Umsatz ist Robertet der Weltmarktführer für natürliche Rohstoffe.

Ich stand da und dachte: Was hier aus Blüten, Harzen und Wurzeln gewonnen wird, landet später in Flakons, die weltweit Hunderte Euro kosten. Mich hat beeindruckt, dass das Unternehmen den Weg vom Feld bis zum fertigen Duft vollständig selbst in der Hand hat.

Das Herzstück: die Häuser aus dem 18. Jahrhundert

1747

06 — Grasse

Galimard — Parfum für den König

Die älteste Station war Galimard. 1747 gründete Jean de Galimard, Herr von Séranon und Mitglied der Zunft der Handschuhmacher-Parfümeure, sein Haus. Er belieferte den Hof von Ludwig XV. mit Olivenöl, Pomaden und Parfums, deren Formeln er selbst erfunden hatte.

Man stelle sich vor: Jasminpomade für Versailles, mit der Kutsche quer durch Frankreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg holte die Familie Roux das Haus zurück ins Leben. Ich hatte das Gefühl, durch fast 280 Jahre französische Geschichte zu laufen.

1779

07 — Pays de Grasse

Jean Niel — neun Generationen

Für mich war Jean Niel der eigentliche Höhepunkt. Mitte des 18. Jahrhunderts arbeiteten die Brüder Henry und Jean Niel als Handschuhmacher. 1779 spezialisierte sich Jean auf Duftrohstoffe. Heute gilt das Haus als älteste noch aktive Parfumfabrik im Pays de Grasse, seit neun Generationen familiengeführt und aus eigenen Mitteln finanziert.

Am meisten hat mich berührt, dass Ende des 19. Jahrhunderts eine Frau, Marie-Claire Niel, den Export in die Welt vorantrieb, mitten im goldenen Zeitalter von Grasse. Mein Fazit: Wer 245 Jahre unabhängig bleibt, hat etwas verstanden, was man in keiner Business School lernt.

1799

08 — Grasse

Charabot — ein Hospital wird zur Duftfabrik

Charabot hat die wohl abenteuerlichste Geschichte. Nach der Französischen Revolution verkaufte der Staat das kirchliche Hospital Saint-Jacques in Grasse. 1799 kaufte man das Gebäude, und daraus entstand eine Parfumfabrik. Der Gründer Jean-Joseph Hugues war ursprünglich Schreiner.

Vom Klosterbau zur Destillerie, aus Holz und Glauben wurden Blütenöle. 2007 übernahm Robertet das Haus und hat es inzwischen vollständig integriert.

1871

09 — Le Bar-sur-Loup

Mane — das Finale

Zum Schluss fuhr ich in das kleine Bergdorf Le Bar-sur-Loup, zum Stammsitz von Mane. Seit 1871 ist das Haus in Familienbesitz und hat 2025 erstmals mehr als 2 Milliarden Euro umgesetzt. Mane ist das größte Haus in französischem Besitz und weltweit die Nummer fünf hinter Givaudan, dsm-firmenich, IFF und Symrise.

Samantha Mane sagt, die Unabhängigkeit der Familie erlaube es, „vorauszudenken, zu investieren und mutige Entscheidungen zu treffen“. Ich kann das als Unternehmer nur unterschreiben.

Mein Fazit

Ich bin mit einem Koffer voller Eindrücke nach Hause gefahren und ehrlich gesagt mit einer neuen Demut. Diese Firmen denken nicht in Quartalen, sie denken in Jahrhunderten.

Familie, Handwerk und Mut, das ist das Rezept, und es riecht verdammt gut.

Andreas W. Herb